„Vierthalb Jahr unter den Indianern“: Das sogenannte Penn’s Creek Massacre und seine Hintergründe

Meine Buchreihe „Der Ruf der Schildkröte“ beruht auf einer wahren Begebenheit – der Capitivity Narrative zweier deutscher Mädchen im Pennsylvania des 18. Jahrhunderts. Die Hintergründe dieser Geschichte sind so faszinierend, das ein Buch kaum ausreicht, um sie alle zu erzählen.

„When an Indian Child has been brought up among us, taught our language and habituated to our Customs, yet if he goes to see his relations and make on Indian Ramble with them, there is no perswading him ever to return. [But] when white persons of either sex have been taken prisoners young by the Indians, and lived a while among them, tho‘ ransomed by their Friends, and treated with all imaginable tenderness to prevail with them to stay among the English, yet in a Short time they become disgusted with our manner of life, and the care and pains that are necessary to support it, and take the first good Opportunity of escaping again into the Woods, from whence there is no reclaiming them.“

(Benjamin Franklin)

BenFranklinDuplessisDas erste Mal erfuhr ich von Marie Le Roy und Barbara Leininger während eines Seminars am Ethnologischen Institut der Uni Frankfurt. Ihr Bericht fesselte mich vom ersten Augenblick an.

Die Geschichte von Marie Le Roy und Barbara gehört in das Genre der sogenannten Captivity Narratives, also die Berichte von europäischen Siedlern, die von indigenen Gruppen in Nordamerika entführt wurden und darüber später berichteten. Diese Geschichten wecken aufgrund ihrer Vielfältigkeit bereits seit zweihundert Jahren das Interesse ihrer Leser. Ungeachtet der Tatsache, dass sie Primärquellen für die Geschichte Nordamerikas sind oder ethnographisches Beobachtungen enthalten, lange bevor die indigene Bevölkerung Nordamerika zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen wurde, sind sie Abenteuergeschichten. Sie erzählen von dem aufregendem Leben in der Neuen Welt, von den unbekannten Gefahren der amerikanischen Frontier, deren Aspekte bis heute eine zentrale Rolle im nordamerikanischen Traditionsbewusstsein spielen. Die Erfahrung, unfreiwillig der eigenen Kultur entrissen zu werden und sich plötzlich mitten unter den sogenannten „Wilden“ zu befinden, die sich in Sprache, Lebensweise und Weltsicht grundlegend von der eigenen Sozialisation unterscheiden, hat bis heute nichts von ihrem Hannah_Duston,_by_StearnsSchrecken und ihrer Faszination verloren.

Leider bleibt der Bericht von Marie und Barbara unvollständig. Über vieles kann nur spekuliert werden, doch ihre Spuren finden sich wieder in anderen Berichten und Quellen und so lässt sich einiges jener vier Jahre, die sie bei den Lenape im Ohiotal verbringen rekonstruieren. Ich werde, im Zuge meiner beiden Romane über ihre Geschichte, immer wieder nach den Hintergründen gefragt. Das Folgende ist ein Versuch, die sehr vielfältigen und komplexen Informationen zum Kontext der Romane zusammen zu fassen.  Ich konzentriere mich dabei vor allem auf die historischen Zusammenhänge und die Inhalte der Quellen. Sollte dabei etwas außer Acht gelassen worden sein, so bitte ich das, angesichts der Fülle der Fakten, zu entschuldigen.

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“Reduce them to Civility“: Die puritanische Mission in Neu-England

Elliot_BibelDie englische und die französische Kolonialisierung Nordamerikas unterschieden sich grundlegend. Während vorwiegend französische Händler und später Militärs nach Neu-Frankreich kamen, die weder vorhatten, ihr gesamtes Leben dort zu verbringen, noch das gesamte Gebiet zu erobern, sondern sich vielmehr auf gute Handelsbeziehungen und ein vorsichtiges geographisches „Durchdringen“ (Franz- Joseph Post) im Einvernehmen mit den indigenen Einwohnern beschränkten, waren die ersten Siedler Neu-Englands ihrerseits religiöse Flüchtlinge. Ihr Ziel war die Errichtung einer perfekten Gemeinschaft auf „jungfräulicher Erde“. Für die Puritaner war Nordamerika das ihnen von Gott zugewiesene Land, auf das die Indianer aufgrund ihres angeblichen Heidentums keinerlei Anspruch hatten. Daher spielte ein  gutes Einvernehmen mit den indigenen Gruppen auch nur in den Anfangsjahren der Besiedlung eine Rolle, je mehr sich die Siedlungsstrukturen verfestigten, umso mehr setzte sich die Überzeugung durch, die Indianer müssten dauerhaft verdrängt werden.

Diese Einstellung spiegelte sich auch in den fehlenden Missionsversuchen nieder. In der „Auserwähltheitsdoktrin“ (Horst Gründer) der englischen Siedler gab es keinen Anlass, den in ihren „barbarischen“ Lebensweisen verhafteten Indianern das Wort Gottes zu bringen.

John Eliot, der englische „Apostel der Indianer“, stellte einen vereinzelten Versuch da, die Indigenen zu bekehren. Ab 1646 ließ er die Bibel in Algonquin, einer der Hauptsprachen an der nordamerikanischen Ostküste übersetzen, und predigte bei den Nanantum nahe Boston. Er war der Überzeugung, die Indianer seien einer der verlorenen Stämme Israels. Konvertiten und solche, die es werden sollen, versammelte er in Reduktionssiedlungen. Doch ähnlich den Rekollekten in Neu-Frankreich war auch er der Überzeugung, dass die Bekehrung der Indigenen nur nach einer erfolgreichen Anglisierung geschehen konnte. Zu diesem Zeitpunkt waren die von im missionierten Gruppen durch die Seuchenzüge und die ökonomischen Veränderungen seit dem Eindringen der Europäer bereits in einem kulturellen Auflösungsprozess begriffen. Das Leben in den Reduktionssiedlungen bot eine Form des gemeinsamen Überlebens, der jedoch nach dem King Philip’s War 1675 ein blutiges Ende fand.

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Krieg und Frieden im Ohiotal: Die Rolle der Lenape 1755-1763

Conference_Between_the_French_and_Indian_Leaders_Around_a_Ceremonial_Fire_by_VernierEs ist keine leichte Aufgabe, die Rolle der Lenape-Indianer während des Siebenjährigen Krieges (1755-1763) zu analysieren. Die Quellenlage ist schwierig. Unsere Kenntnisse entspringen zum größten Teil den Berichten der englischen Kolonialmacht, dem Sieger dieses Konfliktes. Sieger schreiben die Geschichte, dies trifft nicht nur in diesem Zusammenhang zu. Darüber hinaus stehen uns die Berichte der Herrnhuter Missionare aus Gnadenhütten zur Verfügung und der Reisebericht des Herrnhuters Friedrich Post, der im Jahr 1758 als Friedensstifter die Dörfer der Delaware bereiste. Hinzu kommen Briefe von direkten Beobachtern wie zum Beispiel dem deutschen Einwanderer Conrad Weiser, der seine Jugend bei Mohawk-Indianern verbracht hatte und der Kolonialverwaltung von Pennsylvania als Vermittler in allen die Indianer angehenden Angelegenheiten zur Verfügung stand. Die Tagebucheinträge und Briefe Sir William Johnsons, dem ersten Superintendent of Indian Affairs, also dem direkt der britischen Krone unterstellten Indianeragent, und seines zwielichtigen Debutys George Croghan ermöglichen ebenfalls einen Blick auf die englische Indianerpolitik in der Mitte des 18. Jahrhunderts und die Kriegsziele des British Empires in diesem „ersten Weltkrieg“. Von der zeitgenössischen Sicht der Lenape und den anderen Völkern des Ohio-Tals auf diesen Konflikt wissen wir nur wenig, doch es lässt sich anhand der Quellen und Berichte ein Bild rekonstruieren, das von einem entschlossenen politischen und kriegerischen Überlebenskampf dieser Gruppen berichtet, der die Kolonialmächte England und Frankreich für einige Zeit vor sich her trieb.

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Ghost Dance, Wounded Knee und James Mooney – eine Spurensuche

Ghost_Dance_at_Pine_RidgeDie Ghost-Dance Bewegung wird gemeinhin als prophetistische Bewegung bezeichnet, die zwar mit dem Paiute Wovoka im Nordosten der USA einen friedlichen Anfang nahm, in ihrer Konsequenz jedoch zu dem furchtbaren Massaker von Wounded Knee führte.  Noch immer sind viele Zusammenhänge unklar, werden viele Vermutungen über den Ursprung und den Anlass der Bewegung und die Gründe seiner unterschiedlichen Verbreitung angestellt. Schließlich ist es die Hauptquelle selbst, James Mooneys Augenzeugenbericht “The Ghost Dance Religion and the Sioux Outbreak of 1890“über Wovoka und die Stätte des Blutbades, an die heutige Forscher viele Fragen haben. “. Bereits ihm Titel differenziert der Abenteurer und Ethnograph „The Indian Man“ James Mooney zwischen der Religion des Ghost Dance und ihren unterschiedlichen politischen Konsequenzen, eine Unterscheidung, die spätere Ethnologen wie Wolfgang Lindig und Alfons Dauer übernahmen.  James Mooney beschäftigte sich viele Jahre mit den Cheyenne und Arapaho, über sie kam er auch in Kontakt mit dem Ghost Dance. Ausführlich legt Mooney nach seinem Interview mit Wovoka dar, dass die Ghost Dance Bewegung in ihrem Ursprung friedlich und auf kulturelle Anpassung zwischen Assimilation und Synkretismus ausgerichtet war, eine kulturelle Überlebensstrategie der bereits im Alltag assimilierten Paiute, während  die Ghost-Dance-Doktrin bei den Sioux und den anderen Plain-Gruppen zu einer Kampfesparole mit schrecklichen Konsequenzen wurde.

Woraus entstand die Bewegung und warum veränderte sie sich mit ihrer Ausbreitung in die verschiedenen Stämme? Wie sehr sind die Antworten auf diese Fragen durch die Ergebnisse, zu denen James Mooney 1892 kam, beeinflusst?

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Schwarzröcke gegen „Zauberer“: Die Jesuitenmission in Neu-Frankreich

Brébuef-jesuits04jesuuoftDie europäische Kolonialisierung Nordamerikas steht bis heute im Zeichen einer „Europäisierung der Welt“, Nordamerika gleichsam als ein künstlich geschaffenes „Neo-Europa“ (Franz-Joseph Post). In der Beschäftigung mit den Anfängen des europäisch-indigenen Kulturkontakts werden die indigenen Beteiligten oft einseitig als Opfer beschrieben, doch bei allem Leid, dass ihnen verursacht waren, so standen sie den erzwungenen Veränderungen doch nicht schlicht wehrlos gegenüber, sondern versuchen das Überleben ihrer Kultur zwischen den Extremen Widerstand und Anpassung an die neuen Lebensverhältnisse zu sichern.

Mission und Kolonialismus

Der christlichen Mission kommt in diesem Konflikt eine entscheidende Rolle zu. Mission war und ist nicht nur in Nordamerika ein „integraler und integrierender Teil im politischen System des westlichen Expansionismus“ (Franz-Joseph Post). Die christliche Bekehrung bot eine Herrschaftslegitimation der Kolonialisten, zugleich war der koloniale Expansionismus die Voraussetzung für die weltweite Verbreitung des Christentums und dessen universalen Anspruch. Doch die Auswirkung der Verbindung von Mission und kolonialer Herrschaft fiel sehr unterschiedlich aus. Wo sie in einigen Teilen der Welt rasch zur beinahe vollständigen Auflösung der überkommenen Strukturen führte, und sowohl der christliche Glaube als auch die europäische Herrschaft zumindest oberflächlich akzeptiert wurde, trafen Missionare an anderer Stelle auf ungeahnte Widerstände.

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Mein neues Kinderbuch ist da: Die letzte Reise des Häuptlings – oder was ist mit Amerika passiert?

Was steckt wohl in dem Lederbündel, das Jonas Vater von seiner USA-Reise mitgebracht hat? Ob es wirklich einmal einem berühmten Häuptling gehört hat? Jonas ist sehr erschrocken, als er mitten in der Nacht Besuch vom alten Häuptling bekommt, dessen Geist ruhelos über die Erde wandert, weil niemand mehr aus seinem Volk überlebt hat, der sich an die alten Rituale erinnert. Was ist mit Amerika passiert, fragt Jonas den alten Häuptling und kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus, als der alte Häuptling ihn mitnimmt auf eine Reise in die Vergangenheit Amerikas.

Ich stelle das Buch am kommenden Samstag, 16. März um 12:30 Uhr in Halle 2 Stand K105 beim Persimplex Verlag vor.

Das Buch bestellen kann man hier.